Chruschtschow: Der Wutanfall des Kreml-Chefs und sein Schuh - WELT (2024)

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Plötzlich lag da ein Schuh auf dem Pult. Genauer gesagt: ein Halbschuh aus hellbraunem Leder. Eben noch hatte der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow am späten Abend des 12. Oktober 1960 auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen wie ein Irrer gewütet und wild herumgefuchtelt. Und kaum dass er sich wieder gesetzt hatte, lag seine Hand auf der Kappe eines rechten Schuhs. Dazu lächelte der cholerische Kommunist zufrieden – Fotos aus dieser Nacht beweisen es.

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Aber hat Chruschtschow tatsächlich mit seinem Schuh herumgefuchtelt? Oder gar auf sein Pult geschlagen? So wird seit Jahrzehnten berichtet; fast ebenso lange bestreiten erst sowjetische, später russische Staatsmedien das.

Chruschtschow: Der Wutanfall des Kreml-Chefs und sein Schuh - WELT (1)

Richtig ist: Es gibt aus jener Nacht keine Aufnahme und keine Filmsequenz, auf der Chruschtschow den Schuh bei seinem Wutanfall tatsächlich in der Hand hatte. Und weil es kein echtes Foto gab, fertigte irgendjemand (wer genau, ist unbekannt) eine freilich schlechte Montage an, die seither als scheinbarer Beweis kursiert.

Richtig ist aber auch: Teilnehmer der Sitzung berichteten unmittelbar nach Chruschtschows Auftritt, er habe mit seinem Schuh herumgefuchtelt; schon in den Nachmittagszeitungen vom 13. Oktober und in den Morgenzeitungen des nächsten Tages las die freie Welt fassungslos darüber, in den USA ebenso wie in der Bundesrepublik.

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Allerdings in erstaunlich vielen abweichenden Versionen. Nach einer soll er den rechten Schuh abgestreift und damit auf den Tisch vor sich eingeschlagen haben, rhythmisch „wie ein Metronom“. Laut einer anderen Variante habe Chruschtschow drohend mit seinem Schuh geschwenkt. Wider andere Augenzeugen hatten davon nichts mitbekommen, sondern beschworen, der Sowjet habe „lediglich“ seinen Schuh vor sich auf den Tisch gelegt. Aber warum?

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Ein Saaldiener berichtete, jemand sei Chruschtschow versehentlich in die Hacken getreten, wobei ihm der Schuh vom Fuß gerutscht sei. Der Diener habe ihn in eine Serviette gehüllt und Chruschtschow gegeben. So habe er den Schuh zufällig griffbereit gehabt, als er voller Wut aufsprang.

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Es wird sich voraussichtlich nicht klären lassen, was genau mit dem ominösen Schuh am 12. Oktober 1960 kurz vor Mitternacht geschehen ist. Dafür aber steht fest, wie es zum Wutanfall des KPdSU-Chefs gekommen war. Es ging in der Abendsitzung um den Kolonialismus und sein bevorstehendes Ende durch die Unabhängigkeitsbewegungen vor allem in Afrika.

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Die sowjetische Delegation, stets erpicht darauf, dem Westen diplomatische Niederlagen beizubringen, hatte den Antrag eingebracht, umgehend eine Debatte über das „sofort notwendige Ende“ der Kolonialherrschaft in allen Teilen der Welt abzuhalten. Doch die Diskussion entwickelte sich anders als erwartet.

Denn reihenweise verwiesen Redner aus westlichen Ländern auf die Unterdrückung der osteuropäischen Völker durch die Sowjetunion. Die Delegierten aus den Ostblockstaaten wurden immer nervöser. Als Lorenzo Sumulong, der Delegierte der Philippinen, die 1946 von den USA unabhängig geworden waren, die UdSSR kritisierte, weil sie „die Völker Osteuropas ihrer freien Bürger- und politischen Rechte beraubt“ habe, bekam Chruschtschow einen seiner berühmten Wutanfälle.

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Der KPdSU-Chef beschimpfte Sumulong als „Trottel, Narren und Lakaien des Imperialismus“. Mit wilden Gesten wandte er sich an die afrikanischen Völker und versicherte die, wie er wörtlich sagte, „Schwarzen“ seiner persönlichen Sympathie: „Falls die Kolonialmächte den gerechten Forderungen der Kolonialvölker nicht nachkommen, dann wird diesen keine andere Wahl bleiben, als zu den Waffen zu greifen. Die Sowjetunion steht dann an der Seite derer, die für ihre Befreiung vom Kolonialjoch kämpfen.“ Als er sich nach diesem Ausbruch wieder setzte, lag sein brauner Halbschuh vor ihm.

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Damit war die skurrile Sitzung freilich noch nicht vorüber. Kurz vor der geplanten Abstimmung erhielt der US-Delegierte Francis Wilcox dazu das Wort. Eisig wiederholte er: „Wenn hier über das Ende der Kolonialherrschaft gesprochen werden soll, dann muss auch von der notwendigen Freiheit der osteuropäischen Völker die Rede sein.“

Nun rastete der rumänische Delegierte Eduard Mezincescu aus, der schon mehrfach die Reden der westlichen UN-Delegierten unterbrochen hatte. Wutschäumend forderte der linientreue Kommunist den Präsidenten der Vollversammlung auf, Wilcox das Wort zu entziehen.

Chruschtschow schlug mit den Fäusten auf sein Pult, um seine Unterstützung für diese Forderung zu signalisieren. Angesp*rnt beschuldigte Mezincescu den Präsidenten, die „Gleichheit der Delegationen zu verletzen“ – ein zentrales Prinzip der Vereinten Nationen.

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Bei diesen Worten platzte dem Präsidenten der Vollversammlung, Frederick H. Boland, der Kragen. Er schlug mit dem traditionellen Hammer so heftig auf das Pult, dass dessen Stiel brach, und verkündete anschließend: „Im Hinblick auf die Szene, die sich soeben abgespielt hat, gibt es kein anderes Mittel, als die Sitzung zu unterbrechen. Sie ist unterbrochen.“

Von den Vertretern der westlichen Staaten gab es dafür stürmischen Beifall für den Präsidenten; von den Delegierten aus dem Ostblock heftigen Protest. Die Versammlung ging in großer Erregung auseinander. Auch Chruschtschow verließ mit seinen Leuten den Sitzungssaal. In der Lobby vor dem Saal ließ er Journalisten wissen: „Der Hammer ist zerbrochen. Das ist der Beginn der Zerstörung der Vereinten Nationen.“ Es kam, man weiß es, anders.

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